Apfelblüte, Airbus und alte Kutter

Apfelblüte, Airbus und alte Kutter

Am Südufer der Unterelbe liegt Finkenwerder, ein Stadtteil mit vielen Facetten: In der Vergangenheit war der Standort vor allem für Fischerei, Obstanbau und Schiffbau bekannt, heute ist rund ein Drittel der Halbinsel Werksgelände des Flugzeugbauers Airbus, Arbeitgeber für circa 20.000 Menschen. Trotzdem ist es Finkenwerder gelungen, seinen dörflichen Charme zu bewahren – mit einem Ortskern mit hübschen Backsteinhäusern, dem Rüschpark an der Elbe mit angeschlossenem Yachthafen und malerischen Obstplantagen am Finkenwerder Landscheideweg.

Ältere Dame die in die Kamera lächelt.

Mit Petra Martens durch Finkenwerder.

Unsere Stadtteilfüh­rerin erweist sich als echter Glücksgriff. Petra Martens ist in mehreren Vereinen aktiv, organisiert die alljährliche „Finken­werder Deichpartie“ mit und stellt in ihrer Kunstwerft am Hein-Saß-Weg kleine Objekte her aus Material, das sie auf ihren Spaziergängen am Finkenwerder Elbstrand findet. Die pensionierte Beamtin (62) empfängt uns stilecht gekleidet in einem blau-weiß gestreiften Finkenwerder Fischerhemd und mit einem umwerfenden Lächeln.

Nachdem wir noch schnell einen kurzen Blick in ihr gemütliches Atelier werfen durften, geht es auch schon los. Wir laufen den Hein-Saß-Weg entlang und passieren am Daggerbanksweg gepflegte Mehrfamilienhäuser. Im Finksweg gehen wir an den begehrten alten Kapitäns­häusern vorbei, die sofort verkauft sind, sobald eins auf den Wohnungsmarkt kommt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bewundern wir an der HPA-Stackmeisterei ein großes Wandbild mit maritimen Motiven. Ein Stück weiter staunen wir über die imposante Lage des örtlichen Frei- und Hallenbads. Das Schwimmbad liegt auf einer Landzunge zwischen Steendiekkanal und Köhlfleet am Rand des Gorch-Fock-Parks. „Das Besondere an diesem Schwimmbad ist, dass die Besucher, während sie ihre Bahnen ziehen, direkt auf die Elbe schauen können. Das gibt es sonst nirgends“, freut sich Petra Martens. Am Finksweg befinden sich außerdem mehrere Restaurants, ein Imbiss und der Fähranleger Finkenwerder. Dort machen die Fähren der Linien 62 und 64 fest, die in den Sommermonaten und an den Wochenenden Touristen an Land spülen. Für die Bewohner des Stadtteils ist die Fähre ein ganz normales Verkehrsmittel, mit dem sie ihren Arbeitsplatz auf der anderen Seite der Elbe in einer knappen halben Stunde erreichen. Auch Petra Martens hat vor ihrer Pensionierung täglich die Fähre genutzt, um ihr Büro in Altona zu erreichen, wo sie als Veranstaltungsplanerin unter anderem die altonale mit­organisiert hat. Die Anbindung durch Busse, Fähren und Autobahnanschluss sei eigentlich gut, aber die Airbus-Mitarbeiter würden auf ihrem Arbeitsweg leider oft für überfüllte Verkehrsmittel und Straßen sorgen, berichtet unsere Stadtteilführerin.

In der Badeanstalt schwimmend über die Elbe gucken

Da wir noch einen langen Weg vor uns haben, schlägt unsere Begleiterin vor, dass wir uns im Restaurant Fin­kenwerder Elbblick am Ende des Focksweg mit einem Fischgericht stärken. Begeistert greifen wir ihren Vor­schlag auf und genießen auf der Terrasse des Gasthauses knusprig gebratene Kutterscholle Finkenwerder Art mit Speckstippe und hausgemachtem Kartoffelsalat. Kosten­los gibt es außerdem einen herrlichen Ausblick auf den wolkenlosen blauen Himmel, Sportboote, große Pötte auf der Elbe und das turmhohe Lotsenhaus, das 1914 nach den Plänen des Hamburger Architekten Fritz Schuma­cher gebaut wurde und den Eingang zum Finkenwerder Hafen markiert. „Unter der Uhr am Lotsenhaus wird übrigens der aktuelle Pegelstand angezeigt“, macht uns Petra Martens auf ein interessantes Detail aufmerksam.

Angenehm gesättigt folgen wir Petra Martens nach unserem Mahl in Richtung Ortskern. In den kleinen Seitenstraßen betrachten wir alte Fachwerkhäuser und hübsche Backsteinbauten aus den 1920er-Jahren. Entlang der Ostfrieslandstraße und rund um die Rudolf-Kinau-Allee gibt es diverse Mietshäuser, aber das Gros der Bevölkerung lebt in Eigenheimen. „Obwohl die Mieten hier nicht unbedingt günstig sind, kommen immer mehr junge Familien zu uns auf die Halbinsel“, freut sich unser Guide. Die neuen Nachbarn würden häufig gute Ideen haben und frischen Wind in den Stadtteil bringen.

Mitten auf der Kreuzung zwischen Finkenwerder Nor­derdeich und Köhlfleet-Hauptdeich liegt ein alter Kutter auf dem Trockenen. Ein buntes Plakat zwischen den Masten bewirbt ein Fest, das demnächst im Hafen stattfindet. Gleich daneben hat sich eine lange Schlange vor einem Eisladen gebildet. Dort gibt es auch Banken, Supermärkte und Bäckereien. Nur einen Fischladen suchen wir vergeblich. „Früher gab es in Finkenwerder acht Fischgeschäfte, von denen leider keines überlebt hat“, bedauert unsere Stadtteilführerin.

Dabei war Finkenwerder einst für seine große Fische­reiflotte berühmt. Ende des 19. Jahrhunderts lagen im örtlichen Hafen noch knapp 190 Kutter. Von diesen hat nur der 1889 erbaute Hochseekutter „Landrath Küs­ter“ überlebt, der am Köhlfleet-Hauptdeich vor Anker liegt. Das Schiff wird liebevoll gepflegt und ist immer noch seetüchtig. Im Sommer werden sogar Törns auf der Elbe angeboten. Unser Blick wird aber von einem anderen Schiff abgelenkt. An Deck des ausgedienten Schwimmbaggers „Ilmenau“ türmt sich ein seltsames Sammelsurium aus alten Möbel, Spielsachen, Geschirr und Bildern. Energisch lenkt unsere Begleiterin unseren Blick auf die andere Seite des Kais, wo das „Finkenwerder Kulturschiff“ liegt und schneeweiß in der Sonne strahlt. „An Bord wird ein abwechslungsreiches, tolles Programm geboten mit Lesungen, Theater und Konzerten“, berichtet unsere Stadtteilführerin und schwärmt von einem Blues-Konzert, das sie dort kürzlich besucht hat.

An der Ostfrieslandstraße biegen wir ab auf den Finkenwerder Landscheideweg. Dort und entlang der Parallelstraße Wiet wird der Stadtteil von der Landwirtschaft geprägt – speziell dem Obstanbau mit alten Apfelsorten wie dem Finkenwerder Herbst­prinz. An der Schwelle zum Alten Land passieren wir alte Höfe, bewundern die schnurgeraden langen Reihen der Apfel- und Kirschbaum-Plantagen. In Höhe der St. Nikolai-Kirche passieren wir die soge­nannte Prunkpforte in Richtung Süderkirchenweg. Jahrzehntelange Witterungseinflüsse hatten der höl­zernen Toranlage am Alten Finkenwerder Friedhof zugesetzt. Um die 1927 erbaute, denkmalgeschützte Pforte für die Nachwelt zu erhalten, haben Fach­firmen das Torensemble umfassend restauriert. Wir laufen auf dem Finkenwerder Süderdeich in Richtung Naturschutzgebiet am Westerdeich und erfahren von Petra Martens, dass die wenigen Einfamilienhäuser, die hier stehen, aufgrund ihrer exklusiven Lage mit Elbblick sehr begehrt seien.

Am Neßkatenweg und an der Rudolf-Kinau-Straße wird die Gegend wieder merklich belebter. In die­sem Bereich des Stadtteils stehen viele der typischen drei- bis vierstöckigen Reihenhaussiedlungen aus den 1970er-Jahren. In der Nachbarschaft befindet sich das „Tal der Tränen“. In dem Quartier wurden Straßen wie Schotstek, Palstek oder Slipstek nach Knoten aus der Seefahrersprache benannt. „Die ersten Bewohner waren Menschen aus Altenwerder, die 1977 hierher umgesiedelt wurden“, erzählt uns Petra Martens. Für die geplante Hafenerweiterung wurde damals das ganze Dorf platt gemacht. Am Neßdeich machen wir noch einen Abstecher zum Geburtshaus des Heimat­dichters Gorch Fock, der heute von seiner guten Stube aus direkt auf das Airbus-Betriebsgelände blicken könnte. Gegen Ende unseres Spaziergangs machen wir am Rüschkanal am U-Boot-Bunker Fink II halt, der von 1941 bis 1944 auf dem Gelände der Deutschen Werft gebaut wurde.

Einige Meter entfernt liegen Sportboote im Yachthafen, deren Eigner sich voller Vorfreude auf die ersten Törns des Jahres vorbereiten. Einen optischen Leckerbissen hat sich Petra Martens bis zum Ende unseres Rundgangs aufgeho­ben. Mit einem wissenden Lächeln führt sie uns einen klei­nen Weg entlang zum Elbufer, wo ein roten Aussichtsturm steht. Von oben bietet sich uns ein Postkarten-Panorama: Hinter uns befindet sich das riesige Airbus-Gelände, vor uns schauen wir auf das gegenüberliegende Elbufer, wo Blankenese und Teufelsbrück liegen. Rechts von unserem Standort glitzert die Fassade der Elbphilharmonie in der Sonne. „Ganz klar, wir haben eindeutig den besseren Aus­blick“, freut sich Petra Martens und reckt triumphierend eine Faust in Richtung Blankenese.

Einen Einblick in den Stadtteil bekommen Interessierte im Rahmen der nächsten „Deichpartie Finkenwerder“. Vom 31. August bis zum 1. September bieten die Organi­satoren an mehr als 30 Stationen ein buntes Programm. Näheres unter deichpartie.de

Finkenwerder in Zahlen

  • Einwohner: 11.441
  • Fläche: 19,3 km²
  • Bev. mit Migrationshintergrund: 37,6 %
  • Wohnungen: 5.916
  • Sozialwohnungen: 511
  • ø Personen pro Haushalt: 1,9
  • ø Wohnungsgröße: 75 m²
  • ø Miete (Neuabschluss): 11,91 Euro/m2

(Quellen: Statistikamt Nord, Gymnasium Ohmoor)

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