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Der Visionär

Im Porträt: Der Städteplaner und Stadtforscher Dr. Julian Petrin soll die Hamburger City als Innenstadtkoordinator revitalisieren.
Julian Petrin spricht über Innenstädte, als wären sie lebendige Organismen. Sie können wachsen, kränkeln, altern – und manchmal brauchen sie jemanden, der ihnen neue Impulse gibt. Seit Februar will der 58-jährige Stadtplaner als Hamburgs neuer Innenstadtkoordinator genau das tun! Petrin will dazu beitragen, die City fit zu machen für eine Zukunft, in der Onlinehandel, KI, Konsumflaute und veränderte Lebensgewohnheiten klassische Innenstädte unter Druck setzen.
Der gebürtige Rheinländer übernimmt die Aufgabe in einer Zeit, in der die Zentren von Verödung bedroht sind. Leere Schaufenster, verwaiste Plätze und tote Einkaufsstraßen gehören vielerorts zum Stadtpanorama. Doch der Innenstadtkoordinator macht Mut: „Im Vergleich mit vielen anderen Städten steht Hamburg gut da“, sagt er. Die City sei belebt und international attraktiv. Dennoch macht er keinen Hehl daraus, dass hinter den Fassaden die Nervosität wächst: im Handel, in der Gastronomie, in den Büroetagen der Innenstadt. Die KI-Revolution, glaubt Petrin, werde viele klassische Büronutzungen überflüssig machen.
Petrin denkt Städte als emotionale Räume. Sein Ziel sei es, „die Innenstadt wieder in die Herzen aller Menschen zu holen“. Wie soll das funktionieren? Der Urbanist spricht von „Überraschungen“, von „Stadterlebnissen“, von Orten, die wieder verführen sollen. Wenn er den Alten Wall beschreibt, klingt Hamburg plötzlich fast mediterran: ein bisschen Mailand an der Alster, mit Kunstmuseum, Jazzclub und Abendsonne zwischen historischen Fassaden.
Der Mann, der jetzt die Player in Hamburgs Innenstadt koordinieren soll, hat sein Berufsleben damit verbracht, urbane Transformationen zu verstehen. Geboren und aufgewachsen in Düsseldorf, studierte er Wirtschaftsgeografie, Raumplanung sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte in München, später Stadtplanung und Städtebau in Hamburg. 1998 gründete er das Beratungsunternehmen urbanista. Mit Projekten wie dem Stadtlabor „Nexthamburg“ machte er sich einen Namen als Vordenker moderner Stadtentwicklung. Er beriet Kommunen, lehrte an Universitäten.
Nun soll er die City neu bespielen. Seine Gestaltungsmöglichkeiten dabei beschreibt er zurückhaltend als „lateral Power“ – also Einfluss ohne formale Durchgriffsgewalt. Seine Werkzeuge seien eher „Vorangehen, Lust auf Zukunft machen, Allianzen stiften, Schutzräume schaffen, Gräben überwinden“. Die Voraussetzungen für Stadtreparatur seien gut in Hamburg, das historisch schwer beschädigt und dennoch voller urbaner Schönheit ist. Am Hopfenmarkt etwa, der jahrzehntelang vor allem als Parkplatz diente, könnte bald wieder Leben pulsieren.
Petrin denkt die City über den Handel hinaus: Mehr Wohnen, mehr Kultur, mehr Produktion, mehr Bildung – die klassische Monofunktion der Einkaufsstadt hält er für ein Auslaufmodell. Besonders wichtig seien „dritte Orte“, Räume ohne Konsumzwang, in denen Menschen sich aufhalten können: Bibliotheken, Märkte, Kulturorte, hybride Treffpunkte. Die wirtschaftlichen Bedingungen hätten sich zwar verschlechtert, trotzdem müsse weiter in die Transformation investiert werden.
Und privat? Sein Lieblingsort in Hamburg wechselt „je nach Stimmung und Lebensphase“, wenn er sich wohlfühlen will, zieht es ihn nach Ottensen. Früher wäre er fast Theatermusiker geworden; Musik macht er bis heute. Wären die Berge näher, würde er wohl oft wandern gehen. Alternativ geht’s ins Fitnessstudio. Fußball? Fortuna Düsseldorf aus Nostalgie – aber mit Sympathien für HSV und FC St. Pauli gleichermaßen. „Sie repräsentieren die unterschiedlichen Facetten Hamburgs“, sagt er. Vielleicht beschreibt genau das auch seinen Blick auf Städte: Widersprüche produktiv zu machen. Sein Lieblingszitat stammt übrigens von Federico Fellini: „Der einzig wahre Realist ist der Visionär.“ Für jemanden, der Hamburgs Innenstadt neu beleben soll, das perfekte Motto.
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