Zwei Frauen stehen auf einem Fußgängerweg.

Die „Gleichteiler“ von der Elbinsel

Das Kollektiv Likedeelerei vermietet günstigen Wohnraum zum Selbstkostenpreis.

Ein schmucker Altbau und eine bedrohte Mieterge­meinschaft am Vogelhüttendeich gaben den Startschuss für ein besonderes Projekt: Als Saskia Hoppen und Lena Egetmeyer im Oktober 2022 vom bevorstehenden Verkauf eines vierstöckigen Gründerzeitgebäudes im Reiherstiegviertel erfuhren, überlegten sie nicht lang. Gemeinsam mit einer Handvoll Gleichgesinnter beschlossen sie, das Haus selbst zu erwerben und güns­tig zu vermieten, um es „der Immobilienwertschöp­fungskette zu entziehen“, wie man auf der Homepage der Initiative Likedeelerei nachlesen kann. Innerhalb von nur zweieinhalb Monaten gelang es dem Kollektiv, knapp 600.000 Euro an Direktkrediten einzusammeln. Zur endgültigen Finanzierung kam noch ein Bank­kredit in Höhe von 400.000 Euro hinzu. Das Resultat lässt sich mit Fug und Recht als Erfolgsgeschichte bezeichnen: Ein Großteil der Mieterinnen und Mieter, denen kurz zuvor noch der Rauswurf gedroht hatte, durfte anschließend in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Zwar musste die Kaltmiete erhöht werden, blieb aber am Ende mit knapp zehn Euro pro Quadratmeter immer noch deutlich unter dem Hamburger Durchschnitt. Etliche Bewohnende hatten sich mit Beträgen zwischen 1.000 und mehreren 10.000 Euro am Crowdfunding beteiligt – ein wesentlicher Beitrag zum Gelingen des Projekts.

Die Likedeelerei ist eine Initiative von jungen Leu­ten, die Häuser und Wohnungen in Hamburg und Umgebung aufkauft, um diese möglichst preiswert an finanziell schwache und sozial benachteiligte Menschen (etwa Geflüchtete) weiterzuvermieten. Das für den Immobilienkauf benötigte Kapital stammt aus Direkt­krediten von persönlichen Förderern sowie aus Bank­anleihen. Drei Häuser und fünf Wohnungen – insgesamt 17 Wohneinheiten – konnte das Kollektiv bislang für seine Zwecke erwerben. Inzwischen ist die Likedeelerei eine GmbH mit zwei Gesellschaftern – einem Verein und einer Stiftung, die sich gegenseitig kontrollieren und über die jeweils nächsten Schritte entscheiden.

Holzhaus mit fünf Etagen geplant
Zwei Frauen stehen auf einem Fußgängerweg.
Saskia Hoppen (li.) und Lena Egetmeyer engagieren sich in der Likedeelerei. Foto: von Savigny

Vorbild für die Wilhelmsburger „Gleichteiler“ (so die wörtliche Übersetzung für „Likedeeler“) war das Wohn­projekt GoMokry, das ebenfalls im Norden der Elbinsel zu Hause ist. Vor rund zehn Jahren hatte sich dort eine Gruppe von etwa 40 jungen Leuten zusammengefunden, um in einen sanierten Altbau einzuziehen. Unterstüt­zung kam seinerzeit von der deutschlandweit aktiven Kooperative Mietshäuser-Syndikat, die einen Teil der Finanzierung übernahm.

Zu Beginn hatte Lena Egetmeyer selbst in dem Haus gewohnt. „Wir mussten uns damals sehr intensiv mit Dingen wie Förderrichtlinien und diversen bürokrati­schen Vorgaben auseinandersetzen“, berichtet die heutige „Likedeelerin“. Auf diese Weise sei die Idee entstanden, selbst eine Beteiligungsgesellschaft nach Art des Miets­häuser-Syndikats zu gründen. „Wir wollten dieses Wissen, das wir uns angeeignet hatten, gerne weitergeben,“ sagt Egetmeyer.

Derzeit besteht die Likedeelerei aus sechs Personen, die die Arbeit unter sich aufteilen. Dazu gehören etwa Finanzpla­nung, Buchhaltung, Projektentwicklung, Mieterbetreuung und Öffentlichkeitsarbeit – wobei die Mitglieder jeweils mehrere Aufgaben übernehmen. Zwei der Mitstreiter haben einen Minijob, zwei werden von der Stadt geför­dert – ansonsten läuft die Arbeit im Team ehrenamtlich ab. Ein Teil ist berufstätig, andere studieren noch. Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen. „Wir sind mit viel Herzblut und Engagement dabei, ansonsten würde das alles gar nicht funktionieren!“, sagt Saskia Hoppen.

Zu den aktuellen Projekten des Kollektivs gehören zwei Wohnungen in Altona und Wilhelmsburg sowie eine Baugemeinschaft mit dem interessanten Namen „Utopie Fensterbank“. Das Besondere in diesem Fall ist, dass min­destens 80 Prozent der Wohnungen für Geflüchtete (unter anderem aus der Lampedusa-Gruppe) und für rassistisch benachteiligte Menschen vorgesehen sind. Geplant ist ein fünfstöckiges Holzhaus mit 1.500 Quadratmetern Wohnraum, das sowohl im Preis als auch hinsichtlich der ökologischen Anforderungen neue Maßstäbe setzen soll. Der Einzug ist für 2028 oder 2029 vorgesehen.

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