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Geschichte, Grün und gute Anbindung
Auf den ersten Blick wirkt Eidelstedt nicht besonders aufregend. Es lohnt sich aber genauer hinzuschauen: Eingerahmt vom Volksparkstadion und dem Niendorfer Gehege machen ein Shopping-Center, der Sola-Bona-Park und ein Wochenmarkt den Stadtteil lebenswert. Die S-Bahnhöfe Elbgaustraße und Eidelstedt, die AKN, ein Busbahnhof und eine eigene Autobahn-Auffahrt sorgen für eine gute Verkehrsanbindung. Der Wohnhausbestand ist ein Mix aus Einfamilienhaussiedlungen, Hochhäusern und Mehrfamilienhäusern.

Mit Wolfgang Wallach durch Eidelstedt.
„Ich lebe gern hier“, begrüßt uns Wolfgang Wallach, ein pensionierter Pädagoge mit markantem Bart, mit dem wir uns vor seinem Einfamilienhaus im von Hecken gesäumten Goldregenweg treffen. Der Lehrer unterrichtete 32 Jahre an der Julius-Leber-Schule in Schnelsen. 1990 zog er mit seiner Frau in den Goldregenweg, wo auch die drei Kinder des Paares aufwuchsen. Seine Liebe zur Lokalgeschichte entdeckte er mit dem Wechsel in den Ruhestand bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit im örtlichen Heimatmuseum. „Dort konnte ich mich richtig entfalten, habe das Archiv digitalisiert und eine Geschichtswerkstatt gegründet“, erzählt Wallach. Darüber hinaus begann der passionierte Radfahrer – Wallach besitzt kein Auto – Stadtteilrundgänge und Fahrradfahrten anzubieten.
Leider versteckt sich die Sonne heute hinter grauen Wolken. Davon unbeeindruckt biegen wir unternehmungslustig im Goldregenweg rechts in den Ameisenkamp ein, wo wir gepflegte Einfamilienhäuser passieren, deren Vorgärten erst allmählich aus dem Winterschlaf erwachen. An der Ecke Heidacker/Hörgensweg biegen wir ab in die Oliver-Lißy-Straße, die in einem großen Bogen ein noch junges Wohnviertel umschließt. „Das Quartier wurde von 2016 bis 2020 realisiert, ausgelöst durch die Flüchtlingswelle, gegen den Widerstand vieler Eidelstedter auf dem ehemaligen Gelände der Gärtnerei Süptitz“, erzählt unser Guide. Ein Großteil der Siedlung sind Sozialwohnungen. Die zunächst erwarteten sozialen Probleme wurden aber gut gelöst, findet Wallach. Eine gläserne Lärmschutzwand, kreativ verschönert mit bunten Wandbildern zur angrenzenden Autobahn, schützt die Anwohner vor Verkehrslärm. Es gibt einen türkischen Laden mit DHL-Packstation, einen großen Supermarkt und zwei Kitas. Das Lißy-Haus dient als Nachbarschaftstreff mit Café und sozialen Beratungsangeboten.
Wieder zurück auf dem Hörgensweg laufen wir weiter bis zur Holsteiner Chaussee. Am Übergang zur stark befahrenen Kieler Straße befinden wir uns im Zentrum des Stadtteils am Eidelstedter Platz. Direkt vor dem Einkaufszentrum Eidelstedt Center halten neun Buslinien. Hier findet auch dreimal wöchentlich ein Markt statt, auf dem man Wolfgang Wallach regelmäßig antreffen kann. Nach dem Marktbummel gönnt er sich gern einen Tee im Café Steeedt, das sich hinter dem Einkaufszentrum im Kulturzentrum Steeedt an der Alten Elbgaustraße befindet. Im Inneren des modernen Baus sind außerdem Bücherhalle, Elternschule und Kulturhaus untergebracht. Das Café wird von der Familie Özek betrieben und erfreut sich im Stadtteil großer Beliebtheit. Auch wegen der Live-konzerte auf der Langhalslaute Saz, mit denen Aşır Özek seine Gäste gelegentlich erfreut.
Lohkampsiedlung mehrfach als „schönste Kleinsiedlung“ ausgezeichnet
Wir machen einen Abstecher zum Sola-Bona-Park. Die Grünanlage mit Teich und Spielplatz liegt nördlich der Güterumgehungsbahn zwischen Olloweg und Kieler Straße. Ein Geistlicher namens Johann Joseph Reichwaldt wurde 1754 Eigentümer des Grundstücks und eröffnete dort ein Ausflugs- und Vergnügungslokal. Der Gottesmann wollte in Eidelstedt wohl eine Art Arkadien schaffen, eine in griechischen Sagen beschriebene Hirtenidylle von einem Leben in Harmonie mit der Natur. Der Name des Parks geht zurück auf die lateinische Inschrift, die Reichwaldt an seiner Villa anbringen ließ: „Sola bona quae honesta“. Was bedeutet: „Nur die guten Dinge sind anständig“, übersetzt Wallach für uns. Mit dem Zitat wollte der Gottesmann seinem Wirtshaus, in dem junge Frauen im neckischen Schäferinnen-Outfit die Gäste bedienten, einen seriösen Anstrich verpassen. Vergeblich. Das Lokal galt als „anrüchig“ und musste nach nur drei Jahren seine Pforten schließen. Das Anwesen wechselte in den folgenden 200 Jahren oft den Besitzer. Seit 1956 ist der Park für die Öffentlichkeit zugänglich. In der rosa Villa befindet sich heute eine Kita.
Direkt am Eidelstedter Platz liegt auch das Neubaugebiet Eidelstedter Höfe. Auf dem ehemaligen Dello-Betriebsgelände sind im Auftrag der SAGA und dem Immobilien-Unternehmen Quantum rund 380 Wohnungen entstanden. Die Mehrfamilienhäuser wurden um einen begrünten Innenhof mit „klimapositiven“ Teilen aus Fertigbeton gebaut. Die Wohnungen werden mittels Blockheizkraftwerk umweltfreundlich mit Strom und Wärme versorgt. Beim Bau wurde darauf geachtet, nur die nötigsten Flächen zu versiegeln. Mit Biotopen wie Nistkästen oder Insektenhotels soll darüber hinaus die heimische Fauna gefördert werden. „Man kann in Eidelstedt angenehm leben, wenn man nicht gerade an einer lauten Hauptverkehrsstraße wohnt“, findet Wallach mit Blick auf die ansprechende Wohnanlage. Die Mieten im Stadtteil seien allerdings oft hoch, wie überall in Hamburg.
Wir queren die belebte Kieler Straße und spazieren in Richtung Eidelstedter Dorfstraße. „Hier befinden wir uns im historischen Kern des Stadtteils“, sagt Wallach. Erstmals wurde Eidelstedt im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Der Name mit der Nachsilbe „stedt“ könnte auf die ersten Siedler mit Namen Eyler hindeuten, erfahren wir. Nach einer anderen Theorie könnte der Name „Ilenstätte“ bedeuten. Fragend schauen wir unseren Begleiter an. „Bis zum 19. Jahrhundert wurden in der Mühlenau und im Mühlenteich Blutegel zur medizinischen Verwertung gesammelt“, klärt der Geschichtslehrer uns lächelnd auf. Am Dörpsweg bewundern wir noch Eidelstedts letztes erhaltenes Reetdachhaus, wo bis 1964 der Architekt und Heimatmaler August Koyen lebte.
Mit dem Bau der Eisenbahn 1844, des Bahnbetriebswerks und des Rangierbahnhofs im Jahr 1922 veränderte sich das Gesicht des Stadtteils, und Eidelstedt verlor seinen dörflichen Charakter. Für etwa 5.000 Eisenbahner wurde dringend Wohnraum gebraucht. Auf den Äckern und Wiesen im Jaarsmoor und Eidelstedter Brook wurden Wohnhäuser gebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die Lohkampsiedlung, die mehrfach auf Bundes- und Landesebene als „schönste Kleinsiedlung“ ausgezeichnet wurde. Schmucke Einfamilienhäuschen reihen sich zu beiden Seiten des Torfwegs. Das Wohnungsunternehmen SAGA errichtete die Bilderbuch-Siedlung Anfang der 1950er-Jahre nach dem Konzept der Gartenstadt. Im Schnitt kostete damals ein Haus mit Grundstück rund 18.000 Mark. Aber nicht nur Wohnraum, auch Nahrung war in den Nachkriegsjahren knapp. Darum setzten die Bauherren auf Selbstversorgung und überreichten den Bewohnern beim Einzug einen Spaten, eine Harke und eine Schubkarre. Zur Erstausstattung gehörten außerdem vier Hühner und vier Obstbäume. 1985 wurde das Ensemble unter Milieuschutz gestellt.
Ebenfalls für die Eisenbahner wurde in den 1960er-Jahren am lang gezogenen Alpenrosenweg, direkt an den Bahngleisen, eine Siedlung mit rot geklinkerten Mehrfamilienhäusern erstellt. „Der Bau des Bahnbetriebswerks und des Rangierbahnhofs haben den Stadtteil entscheidend geprägt“, bilanziert Wallach am Ende unseres interessanten Rundgangs. An den damaligen Präsidenten der Deutschen Bahn und seine Verdienste um den Wohnungsbau erinnert noch immer ein Denkmal nicht weit entfernt von dem nach ihm benannten Werner-Hilpert-Weg.
Eidelstedt in Zahlen
- Einwohner: 36.705
- Fläche: 8,7 km²
- Bev. mit Migrationshintergrund: 46 %
- Wohnungen: 17.407
- Sozialwohnungen: 1.705
- Ø Personen pro Haushalt: 1,9
- Ø Wohnungsgröße: 75,2 m²
- Ø Miete (Neuabschluss): 13,46 Euro/m²
(Quellen: Statistikamt Nord, Gymnasium Ohmoor)
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