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Bosses Blick

Gier ist geil
Partikularinteressen bedrohen gesellschaftlichen Zusammenhalt.
In Leipzig machte ein Jungunternehmer von sich reden, der eine „clevere“ Geschäftsidee hatte: Er mietete Wohnungen an und gestaltete sie um, indem er möglichst viele kleine Zimmer schuf, manche nicht größer als sieben Quadratmeter. Diese wurden ab 265 Euro aufwärts, vorzugsweise an Studierende und Auszubildende, vermietet. Küche und Bad wurden gemeinschaftlich genutzt.
Diese Initiative zur Schaffung dringend benötigten Wohnraums wäre zu begrüßen, hätte sie nicht zwei Schönheitsfehler. Zum einen wurde auf diese Art und Weise für eine 157 Quadratmeter große Wohnung ein Mietzins von 4.225 Euro aufgerufen, über 26 Euro je Quadratmeter warm in einer Stadt, wo der Durchschnitt bei neun liegt. Und dann gab es jede Menge Mängel – vom wackeligen WC bis zur kaputten Heizung.
Warum kann unser Leipziger Vermieter nur unter der Bedingung für dringend benötigten Wohnraum sorgen, dass die Mietsache zugleich unanständig teuer und schadhaft ist? Auch wenn es ein besonders dreister Fall ist, ein Einzelfall ist es nicht. Es sind Beispiele wie diese, die den Ruf laut werden lassen nach Regulierung. Wer seine Gier nicht allein im Zaum halten kann, dem müssen Grenzen gesetzt werden. „Vermieten lohnt sich nicht mehr!“, rufen dann die Vertreter der Wohnungswirtschaft und zeichnen ein ganz anderes Bild. Ich frage mich: Wen schützen sie? Wie kann es sein, dass sich seriöse Interessenvertreter vor den Karren von Leuten spannen lassen, die nur am eigenen Profit interessiert sind?
Wir leben in einer zunehmend von Eigeninteressen getriebenen Gesellschaft. Kein Wunder: Wir hören täglich, dass es nichts mehr zu verteilen gibt und stattdessen gekürzt werden muss. Die Jobs sind in Gefahr, die Rente sowieso, Pflege- und Krankenversicherung pleite. Das prägt das „Mindset“ und wirkt sich auf unsere Arbeit in der Rechtsabteilung aus. Um die berechtigten Ansprüche unserer Mitglieder durchzusetzen oder unberechtigte Forderungen der Vermieterseite abzuwehren, bedarf es immer größeren Aufwands. Das strapaziert die Nerven unserer Mitglieder, die sich vor allem Ruhe in ihrer Wohnung wünschen.
Dieses „Mindset“ wirkt sich aber auch auf die Politik aus. Deren Aufgabe ist es, den Ausgleich zu finden, das Maß und die Mitte der widerstreitenden Interessen. Sind alle unzufrieden, war es ein guter Kompromiss, weiß der Volksmund. Doch scheint es mittlerweile sehr schwer geworden zu sein, einen Kompromiss zu finden, der alle „nur“ unzufrieden macht. Inakzeptabel, ausgeschlossen, unmöglich – das sind die Kategorien, in denen mindestens eine Seite den Lösungsvorschlag bewertet.
Ich hoffe wirklich, dass dieser Trend sich bald umkehrt. Dass wir von Partikularinteressen weg, hinkommen zu mehr Gemeinwohl. Es gibt Anzeichen, dass dem so ist. Zarte Hinweise wie die Tatsache, dass die Berliner Regierungskoalition Kompromisse gefunden hat beim Mietrecht, so klein der gemeinsame Nenner auch sei. Mögen diesem Beispiel weitere folgen!
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