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Gute Ernte für Mieter
Pilotprojekt „Solidarische Balkonkraftwerke“ senkt Stromkosten für Mieter, spart CO₂ und fördert faire Energienutzung zwischen Mietern und Vermietern.
Christian Warsch hat sich auf einer Messe neue Wärmepumpen angeschaut. Im Kopf hat er sie schon in den Häusern einbauen lassen, die er verwaltet und die seiner Familie gehören. In seinem Büro berichtet der Diplomingenieur, wie er den CO2-Verbrauch der Rotklinkergebäude noch weiter senken will. Und, das ist für Warsch ebenso wichtig, auch die Stromkosten der Mieterschaft. „Die Diskussion über die Energiewende ist für viele ganz weit weg. Es muss im Portemonnaie der Menschen ankommen. Dann wird sich auch was ändern. Und bei dem Gewinn, der dabei erzielt wird, sollte es möglichst fair zwischen Mieter und Vermieter zugehen“, sagt Warsch.
Während die Wärmepumpen noch Zukunftsmusik sind, wird mit dem Pilotprojekt „Solidarische Balkonkraftwerke“ (siehe MieterJournal 4/2024) in Ohlsdorf jetzt schon seit über einem Jahr Strom erzeugt. Und: Die „Ernte“ ist gut ausgefallen. Durchschnittlich vier Euro weniger Stromkosten pro Quadratmeter musste jede Mietpartei mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach zahlen. Bei einem Strompreis von 35 Cent je Kilowattstunde kommen so für eine 70 Quadratmeter große Wohnung im Jahr immerhin 280 Euro zusammen, die vom Stromanbieter erstattet werden. „Die Mieter freuen sich aber auch über die CO2-Einsparung. Ihre Nachbarn fragen mich schon, wann sie auch eine Anlage bekommen“, sagt Warsch, Geschäftsführer der WDM Asset Service und Immobilien GmbH. 32 der 114 Wohnungen profitieren bislang, demnächst soll das Projekt auf die restlichen Wohnungen ausgeweitet werden. Warsch sagt: „Wir haben gelernt, dass es Sinn ergibt, das gesamte Dach mit Modulen voll zu machen. Es ist nämlich nicht so, dass der Strom vergammeln würde.“ Er hat Wallboxen installieren lassen, damit die Mieter von günstigen Ladepreisen von 20 Cent pro Kilowattstunde profitieren können, wenn sie sich ein Elektroauto anschaffen.
280 Euro, die vom Stromanbieter erstattet werden

Warsch hat die Anlagen an die Mietparteien verpachtet. Diese werden „Betreiber“ im Sinne des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Es gab offene Haftungsfragen, die nun in einem Nutzungs-Mustervertrag im Sinne des Mietervereins geregelt sind. Warsch: „Die Mieter haben insbesondere keine operativen Pflichten. Die Wartung und Erhaltung der Anlagen habe ich übernommen. Der Vertrag, den Dr. Dirk Legler entworfen hat, wird der Allgemeinheit bald unter germany.econgood.org/ueber-uns/regionalgruppen/hamburg/fairer-wohnstrom zum Download zur Verfügung gestellt.“
Ungewisse Rahmenbedingungen? Bürokratie? Unkooperative Netzbetreiber? Warsch hat andere Erfahrungen gemacht. Der Netzbetreiber Hamburger Energienetze sei lösungsorientiert. Der Vermieter hat 280.000 Euro investiert, nutzt aber bis 2045 steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass der Gesetzgeber Solartechnik 2023 von der Mehrwertsteuer befreit hat. Und wenn sich die Investition in zwölf bis 14 Jahren amortisiert hat, ernten die Solarmodule nach Stand der Technik annähernd weiterhin so viel Strom wie heute.
Seitdem das Projekt Anfang 2025 gestartet ist, sei ein besseres Miteinander zwischen Mieter und Vermieter entstanden, hat Warsch bemerkt. „Viele kleine Dinge, bei denen die Mieter bislang gesagt haben, ,das ist Sache des Verwalters‘ machen sie jetzt selber. Wir sind dabei auf Augenhöhe.“ Nach Warschs Vorfahren Georg Michael Beisser, der 1836 in der Spitalerstraße eine Fleischerei gründete, ist in Ohlsdorf eine Straße benannt. Die Familienphilosophie beschreibt der Nachfahre als nachhaltig, was auch die Mietwohnungen beinhaltet. „Wir Nachkommen wissen, dass wir das Erbe behandeln müssen wie einen Apfelbaum. Das heißt wir entnehmen nur die Ernte, pflegen und erhalten aber den Baum für die nächste Generation.“
Wie fair handelt Hamburgs größter Vermieter? Die SAGA hat nach eigenen Angaben bereits Mieterstrom-Pilotprojekte am Sportplatzring in Stellingen, in Farmsen-Berne und in der HafenCity umgesetzt. Das Unternehmen prüfe regelmäßig Betreibermodelle, die „sowohl für Mieterinnen und Mieter als auch für die SAGA vorteilhaft sind“, sagt Sprecher Gunnar Gläser. Was der Solarstrom für Mieter kostet, will die SAGA nicht sagen. Dem Vernehmen nach bietet das Unternehmen Strom für 32 Cent pro Kilowattstunde an. Ein Preis, den man auch bei Stromanbietern im Internet findet.
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