„Haltung ohne Betroffenheitskitsch”

Illustration des eines Mannes mittleren Alters.
Michel Abdollahi gestaltet Kultur in Hamburg mit. Illustration: Scheerer

Seine Talkshow „Käpt‘ns Dinner“ läuft in der ARD. Michel Abdollahi ist auch Buchautor und preisgekrönter Filmemacher. In Hamburg leitet er das Centralkomitee.

Der Scheitel sitzt, das freundliche Lächeln verrutscht nur selten. Der Journalist Michel Abdollahi kam 1981 in Teheran zur Welt und lebt seit Kindertagen in Hamburg. Mit Gästen wie Tim Mälzer, Jorge González oder Sandra Maischberger redet er im Bauch eines U-Boots über die Lage der Nation. Für seine mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Dokumentation „Im Nazidorf“ wohnte er vier Wochen in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern. 2022 übernahm er mit Robert Oschatz das Polittbüro am Steindamm. Mit ihm sprach MieterJournal-Autorin Sabine Deh.

Herr Abdollahi, fällt Ihnen spontan etwas Positives zur Lage der Nation ein?

Dass dieses Land unter einer unfassbaren Schicht aus Wattestäbchen, Bedenkenträgertum und Vollkasko-Mentalität immer noch irgendwie atmet. Wir haben uns eine sterile Wohlstands-Lethargie erarbeitet, in der schon das Nicht-Befolgen von Mülltrennung als Widerstand gilt. Das Positivste ist: Der Motor läuft noch. Aber wir tanken seit Jahren Salzwasser und wundern uns, warum es stottert.

Was hat Sie motiviert, das Polittbüro zu übernehmen und was steht aktuell auf dem Programm?

Das Polittbüro heißt nun seit vier Jahren Centralkomitee. Theater sollte nicht als Wohlfühloase für Bildungsbürger verkommen, die sich nach der Vorstellung gegenseitig auf die Schultern klopfen! Ich wollte einen Ort, der laut bleibt und das in cool. Das Centralkomitee ist keine Bespaßungsanstalt, sondern ein ideologischer Boxring. Haltung ohne Betroffenheits-Kitsch, Kultur ohne Subventions-Gesäusel und Gäste, die nicht nach dem Mund reden, sondern liefern müssen. Das hat geklappt, der Laden platzt aus allen Nähten. Von wegen junge Leute gehen nicht mehr ins Theater…

In Ihrem Buch Es ist unser Land – Wir dürfen Deutschland nicht den Rechten überlassen warnen Sie davor, dass rechtsextreme Parteien immer stetiger zulegen, während gleichzeitig der gesellschaftliche Diskurs weiter kippt. Ist unsere Demokratie noch zu retten?

Hören Sie mir bloß auf mit diesem Dauersozialarbeiter-Ton über die „gefährdete Demokratie“. Die Demokratie stirbt nicht an den Rechten, sie stirbt an der Erschlaffung des Rests! Wir haben ein System gebaut, das sich hinter Bürokratie, Ängstlichkeit und einer politisch korrekten Wohlfühl-Sprache versteckt. Wenn das Einzige, was der Extremismus-Gefahr entgegengesetzt wird, Betroffenheitskerzen und ein „Wir müssen ins Gespräch kommen“ sind, dann Gute Nacht. Die Demokratie rettet man nicht mit Mitleid, sondern mit Härte, Klasse und funktionierenden Institutionen.

Die Preise für Lebensmittel und Benzin steigen, Mieten sind kaum noch bezahlbar. Viele Bürger fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen und sind frustriert. Zu Recht?

Einerseits ja, weil die Politik eine abgehobene akademische Blase ist, die der Kassiererin im Supermarkt erklärt, wie sie klimaneutral zu leben hat, während ihr Geld für die Miete nicht reicht. Das ist arrogant. War es zwar immer, wird heute aber nicht mehr hingenommen. Auf der anderen Seite: Dieses dauernde deutsche Jammern nervt gewaltig. Wir wollen skandinavischen Sozialstaat, amerikanische Steuern und Schweizer Ordnung, gleichzeitig. Wer Führung bestellt, darf sich nicht wundern, wenn es teuer wird. Aber die aktuelle Bundesregierung liefert aktuell schlicht handwerklichen Pfusch ab. Früher hätte man gesagt: Wählen wir ab, machen wir besser. Heute sagen wir: Oh Gott, was kommt danach? Das ist die wirkliche Gefahr.

Warum hat die AfD einen so großen Zulauf, obwohl viele ihrer Wahlversprechen mangels gesetzlicher Grundlagen und/oder leerer Staatskassen höchstwahrscheinlich niemals realisiert werden können?

Weil die Leute nicht Inhalte wählen, sondern Rache. Die AfD ist der Mittelfinger für eine Politik, die den Menschen seit zehn Jahren erklärt, dass ihre Sorgen nur „Komplexitäten“ sind, die sie nicht verstehen. Der AfD-Wähler weiß tief im Inneren ganz genau, dass diese Truppe kein einziges Problem löst und das Land ruiniert. Es ist ihm bloß egal. Es ist eine kollektive, vom Trotz getriebene Selbstzerstörung, befeuert von einer Regierungsseite, die moralisiert, pfuscht und viel beleidigt ist, statt Ergebnisse zu liefern.

Die Regierung plant, das Informationsfreiheitsgesetz deutlich einzuschränken und will künftig Gebühren erheben für die Erteilung von Informationen. Welche Auswirkungen hätte diese Gesetzesänderung auf Ihre Arbeit als Journalist?

Das ist kein Versehen, das ist administrative Frechheit. Man versucht, Transparenz zu einem Pay-TV-Abo zu machen. Wer Geld hat, kriegt die Wahrheit; wer keins hat, kriegt die Pressemitteilung. Für meine Arbeit heißt das: Es wird teurer und anstrengender, aber ich lass mir doch von einer Behörde nicht per Gebührenbescheid den Mund verbieten. Das zeigt doch nur, wie viel Angst im Apparat herrscht, wenn mal jemand wirklich hinsteckt, wo es stinkt.

Kürzlich besuchten Sie noch einmal das Dorf Jamel. Wie wurden Sie dort empfangen?

Wie immer freundlich. Und genau das ist das Beängstigende! Wer erwartet, dass da Glatzköpfe mit Springerstiefeln und geschwellter Brust an der Grundstücksgrenze stehen und brüllen, hat die Rechten von heute nicht verstanden. Die schenken dir Kaffee ein, bieten dir Grillwurst an und reden ganz friedlich über Dorfgemeinschaft, Blumenbeete und Tradition. Es gibt keine Aggression, sondern eine perfide, bürgerliche Normalität. Wenn das Böse so nett und nahbar rüberkommt, schluckt man erst mal. Das Gefährliche an Jamel ist nicht eine bedrohliche Kulisse, sondern wie fließend die Grenzen zwischen ländlicher Idylle und völkischer Ideologie verschwimmen, wenn man sich darauf einlässt.

Egal ob Zeitgenosse oder historische Persönlichkeit: Ihr Wunschgast beim Käpt’ns Dinner?

Ich liebe meine Gäste, ich kenne sie alle, ich schätze sie alle, und ich gebe für jeden mein Letztes. Aber diese ständige Sehnsucht nach den riesigen, unerreichbaren Promis oder den Verstorbenen ist doch absurd. Warum fragen die Leute immer nach den Toten oder den Weltstars? Der Witz an guten Gesprächen ist doch die Überraschung. Geben Sie mir jemanden, mit dem man herzhaft lachen, streiten und den Kopf über die Welt schütteln kann, völlig egal, wie groß der Name auf dem Türschild ist.

Womit hat man Ihnen zuletzt eine echte Freude gemacht?

Das Grundschulkind meiner Mitarbeiterin hat mir einen Quetschball auf den Schreibtisch gelegt und mir eine süße Karte dazu geschrieben.

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