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Herr Bello tanzt im Faltenrock

Eine Bombe legt das Leben einer Wohnsiedlung lahm – und bringt Menschen zusammen, die sich bisher fremd geblieben sind.
Die alleinerziehende Ina arbeitet in einem Tattoo-Studio in einer Großstadt und lebt mit ihrem 17-jährigen Sohn Henry seit Jahren in der Miethaussiedlung „Am Kastanienbaum“. Ihre Nachbarn kennen die beiden höchstens vom Sehen auf der Straße, einem gemurmelten „Guten Tag“ im Treppenhaus oder kurzen Begegnungen im kleinen Laden der Familie Arslan. Doch dann buddelt Baggerfahrer Paco mitten im Viertel eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg aus. Um sie zu entschärfen, wird die Siedlung evakuiert und das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner über Nacht auf den Kopf gestellt.
„Guten Morgen, schönes Wetter heute“ ist ein Roman über Freundschaft, Familie und Nachbarschaft. Das Erstlingswerk von Tanja Kokoska gehört zu den Überraschungserfolgen des diesjährigen Literatursommers. Die Autorin gab ihren Job als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau auf, um sich den Traum vom eigenen Buch zu erfüllen.
Der Einsatz hat sich gelohnt. Kritik und Leserschaft loben die warmherzige Geschichte, deren Protagonisten einem beim Lesen ans Herz wachsen. Wie in vielen Vorstadtsiedlungen leben auch die 1.583 Menschen am Kastanienbaum nah zusammen, bleiben aber doch meistens für sich. Da ist der Witwer Herr Bello, der hinter den verschlossenen Vorhängen in seiner Wohnung heimlich im Faltenrock tanzt, oder Samy, der Kneipenbesitzer, der davon träumt, eine echte Ente zu streicheln, weil deren Federn so schön zart aussehen. Niemals würde so ein Tier bei ihm auf der Speisekarte landen. Nicht zu vergessen Frau Arslan, die heimlich Gedichte in den Pralinenschachteln in ihrem Laden versteckt und sich in ihrer Fantasie ausmalt, was mit diesen passiert.
Durch dünne Wände und Türen hören die Menschen in der Siedlung das Lachen und Streiten ihrer Nachbarn und bleiben ihnen trotzdem fremd. Humorvoll und mit präzisem Blick schreibt Kokoska vom Überwinden unsichtbarer Grenzen und macht uns mit einer Nachbarschaft bekannt, die trotz vieler Gegensätze nach und nach zu einer Gemeinschaft zusammenwächst. Oder wie Inas Sohn Henry sagen würde: „Alles safe, Mum!“
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