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„29 Prozent Einsparung sind möglich“

MJ-Redakteur Volker Stahl sprach mit dem Architekten Reiner Belitz über den Hamburg-Standard und das von ihm geplante kostengünstige Musterhaus.
Welche sind die größten Kostentreiber beim Neubau?
Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es gibt nicht die eine Maßnahme, die sofort und spürbar die Baukosten signifikant senkt. So wie wir über Jahrzehnte durch eine Vorschrift nach der anderen den Baustandard und damit die Baukosten nach oben getrieben haben, müssen wir eine Vielzahl von Bauvorschriften und DIN-Normen zurückdrehen. In der Summe lassen sich die Baukosten aber spürbar senken.
Zum Beispiel?
Durch die Planung und Konstruktion von Gebäuden kann maßgeblich auf die Baukosten Einfluss genommen werden: Kein teurer Keller, keine Versprünge in der Fassade. Werden Mauerwände statt Gipskartonwände erstellt, verkleinern sich die Spannweiten der Decken. Stahlbetondecken können so dünner hergestellt werden, was Beton und Stahl spart. Balkone und Laubengänge können als vorgestellte Konstruktion geplant werden. Das spart aufwendige Konstruktionen zur Befestigung der auskragenden Betonplatten am Gebäude. Die normale lichte Raumhöhe war, als ich Architekt wurde, üblicherweise 2,40 Meter. Heute sind 2,60 Meter Standard – ein Schritt zurück spart nicht nur Bau-, sondern auch Heizkosten. Und wird statt eines Flachdachs ein geneigtes Dach gebaut, findet sich auch Platz für die den Wohnungen zugeordneten Abstellräume.
Nirgendwo in Europa sind die Bauvorschriften so rigide wie in Deutschland …
Zwei wirklich absurde Beispiele sind die Heizung im Wohnungsflur und schalldämmender Belag auf Balkonen. Die DIN-Norm hat für innen liegende Wohnungsflure über Jahrzehnte 15 Grad Celsius vorgeschrieben. Da diese von beheizten Wohnräumen und Bädern umgeben sind, die Wärme an den Flur abgeben, sind die Flure immer mit geheizt. Im Jahr 2020 wurde die DIN dahingehend geändert, dass nun auch in den innen liegenden Fluren der Wohnung 20 Grad Celsius erreicht werden müssen. Rechnerisch kann es bei besonders niedrigen Temperaturen im Winter dazu kommen, dass im Flur nur 19 Grad Celsius erreicht werden, was der aktuellen DIN widerspricht. In der Folge müssen die Wohnungsflure jetzt mit einer Heizung, in den meisten Fällen eine Fußbodenheizung ausgestattet werden. Hierzu gehört ein separates Raumthermostat, zu welchem ein Kabel geführt werden muss. Der Heizkreisverteiler muss um ein zusätzliches Ventil erweitert werden, und in jeder Wohnung gibt es jetzt zusätzliche beheizbare Flächen mit der Folge, dass die Dimensionierung der Heizungsanlage und der Verteil- und Steigleitungen im Gebäude erhöht wird. Das bedeutet: höhere Baukosten und zusätzlichen Verbrauch von Heizenergie.
Wie groß sind die Einsparungen Ihres Musterhauses?
Ich habe aus einem Bauprojekt einen Gebäudeteil gesondert betrachtet und eine Vielzahl von Einsparmöglichkeiten bewertet. Für eingesparte Massen und Materialien habe ich aktuelle marktgerechte Preise eingeholt und komme auf eine Ersparnis von 29 Prozent für Bau- und Baunebenkosten. Vinyl kann statt Parkett verlegt werden. Müssen Waschbecken und WCs an teuren Sanitärblöcken montiert werden? Müssen Steckdosen und Lichtschalter unter Putz liegen? Auch die Optimierung der Grundrisse mit übereinander stehenden Wänden, Schächten, Bädern und Küchen stellt einen wichtigen Baustein beim Kostensparen dar. Als ich mir eine Zeichnung mit den konstruktiven Maßnahmen angesehen habe, musste ich feststellen, dass ich genauso vor 35 Jahren als junger Architekt geplant habe.
Sind Sicherheit oder Lärmschutz weiter gewährleistet?
Selbstverständlich. Bauvorschriften, die die Gesundheit und das Leben schützen, wurden sehr genau untersucht. Und der Mindestschallschutz nach DIN stellt eine hohe Wohnqualität sicher. Standard ist aber der erhöhte Schallschutz. Hier ergibt sich ein erhebliches Potenzial zum Einsparen von Kosten.
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