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Mehr Dorf als Großraumsiedlung
Im Nordosten Hamburgs liegt der Stadtteil Steilshoop. In direkter Nachbarschaft zum Bramfelder See entstand dort ab 1969 eine Großraumsiedlung mit über 6.000 Wohnungen. Die Planer verfolgten die Devise „Urbanität durch Dichte“ und entwarfen ringförmig um 20 begrünte Innenhöfe angeordnete Häuserblocks. Knapp 20.000 Menschen leben in „Steilo“, wie die Anwohnenden ihr Quartier nennen. „Trotz der Hochhäuser hat Steilshoop etwas von einem Dorf“, findet Raphael Bulut (34), der uns seinen Stadtteil vorstellt.

Mit Raphael Bulut durch Steilshoop.
Als Treffpunkt haben wir die Terrasse vor dem Kiosk auf dem Platz am Schreyerring, direkt neben dem Aldi-Markt, vereinbart. Bevor es losgeht, stärken wir uns noch mit einem schnellen Caffè Crema. Während wir auf der Terrasse unseren Kaffee trinken, beobachten wir, wie gegenüber an den Außentischen des Sozial-Cafés der morgendliche Betrieb beginnt. „Das Café ist ein wichtiger Kommunikations-Treffpunkt für die Menschen im Stadtteil“, erzählt unser Begleiter, bevor wir uns auf den Weg machen.
Wir starten unseren Rundgang gleich vor dem größten Ärgernis im Stadtteil, dem seit Jahren verwaisten Einkaufszentrum am Schreyerring. Die meisten Läden auf den drei Etagen haben ihre Türen bereits vor langer Zeit geschlossen. Eines der wenigen geöffneten Geschäfte ist der Noori Aryana Markt, der sein frisches Obst und Gemüse im Erdgeschoss gleich neben dem Eingangsbereich anbietet. Vor kurzem wurde zwischen der Stadt und dem neuen Eigentümer der Immobilie, WHM Central Park, eine Vereinbarung über die Zukunft des Centers getroffen. Einzelheiten sind noch nicht bekannt. Die Anwohner hoffen aber, dass nun nach Jahren leerer Versprechen endlich Bewegung in die Sache kommt.
Während wir auf der Gründgensstraße unterwegs sind, berichtet unser Begleiter, der uns gleich mit seiner Ortskenntnis und jungenhaftem Charme begeistert, dass er im Stadtteil aufgewachsen ist. In Steilshoop besuchte er die Grundschule und später die Gesamtschule, bevor er sein Studium der Bildungswissenschaften aufnahm. Aktuell absolviert Raphael Bulut außerdem eine Ausbildung zum Ergotherapeuten. Am Edwin-Scharff-Ring steuert er einen Torweg an, der uns zu einem der begrünten Innenhöfe führt. Mit dem idyllischen Anblick, der sich uns im Innenhof bietet, hatten wir allerdings nicht gerechnet. Am Ufer eines kleinen Teichs laden bequeme Liegestühle unter schattigen Bäumen zum Dösen ein. Auf einem Spielplatz mit bunten Klettergerüsten, Karussell und Schaukel rauscht ein kleines Mädchen eine Rutsche runter in die Arme ihrer Mutter. In den Bäumen hängen Vogelhäuschen, Nistplätze für heimische Arten wie Spatzen, Meisen und Amseln. Die friedliche Szenerie wird lediglich von einem Hausmeister auf einem Aufsitzmäher gestört. Der herrliche Duft nach frisch gemähtem Gras entschädigt uns aber schnell für das kurze Motorgeknatter.
Neue Hoffnung für das Einkaufszentrum
Unser Guide wohnt in einer WG am Rand der Siedlung. Die Wohnungen in Steilshoop seien optimal geschnitten, die Mieten für Hamburger Verhältnisse erschwinglich. Seine Familie lebt in der Nachbarschaft, genau wie viele Freunde aus der Schulzeit. Darüber hinaus bieten die an den Stadtteil grenzenden Grünflächen und Naherholungsziele wie der Bramfelder See, der Appelhoff-Weiher oder der Parkfriedhof Ohlsdorf eine Menge Lebensqualität. Steilshoop ist Raphael Buluts Heimat, darum engagiert er sich auch ehrenamtlich bei der lokalen Lebensmittelausgabe vom Verein Steilshooper Büd´l e.V. und hilft bei der Organisation des Sommerfestes, das der Stadtteiltreff A.G.D.A.Z. (Arbeitsgemeinschaft Deutsch-Ausländische Zusammenarbeit) veranstaltet.
Urkundlich erwähnt wird das Areal zwischen Ohlsdorf und Bramfeld unter dem Namen „Steilshoop“ erstmals 1347. Im späten Mittelalter war das Gebiet Schauplatz diverser Fehden zwischen holsteinischen und lauenburgischen Rittern. Der Name „Steilshoop“ soll zurückgehen auf die dörfliche Vergangenheit des Gebiets und bedeutet so viel wie „Hof auf steiler Anhöhe“.
In der Gegenwart liegt in Steilshoop die Arbeitslosigkeit über dem Hamburger Durchschnitt, viele Anwohnende beziehen Sozialleistungen. Die angeblich so hohe Kriminalitätsrate lässt sich jedoch statistisch nicht belegen. Nach Angaben der Polizei ist die Anzahl der Straftaten in Steilshoop sogar niedriger als im gediegenen Rotherbaum. „Einen wichtigen Beitrag für das gute Zusammenleben im Stadtteil leisten die Schulen, sozialen Einrichtungen, Kinder- und Jugendangebote, diverse Nachbarschaftsinitiativen vor Ort“, lobt Raphael Bulut und nennt unter anderem das Angebot „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“.
Uns präsentiert sich Steilshoop an diesem schönen Sommertag jedenfalls von seiner besten Seite. Die Eingänge zu den Häusern und Hofzugängen sind von begrünten Torbögen eingerahmt, die Straßen durch die Siedlung von Bäumen gesäumt. Verschiedene Wohnungsunternehmen wie SAGA und Vonovia sowie Genossenschaften bieten am Standort Mietwohnungen an. Viele Balkone wurden von der Mieterschaft hübsch dekoriert und mit Sommerblumen bepflanzt. Im Erich-Ziegel-Ring macht unser Begleiter uns auf eine Metall-Skulptur in Form eines Ankers aufmerksam, ein schönes Symbol für die Stadt Hamburg, wie er findet. Auf der anderen Seite des Platzes zeigt uns Bulut noch die vier im Boden befestigten Schachtische, an denen er als Jugendlicher das Spiel der Könige erlernt hat.
Am Fritz-Flinte-Ring führt unser Guide uns über einen schmalen Weg an einem Tennisplatz vorbei und überrascht uns dort mit „Bullerbü“. Mitten in Steilshoop stehen wir plötzlich auf einem Stück Schweden, das direkt aus einem Kinderbuch von Astrid Lindgren entsprungen zu sein scheint. In einem roten Holzhaus mit weiß gestrichenen Fensterrahmen befindet sich ein Hofladen mit Café und einer kleinen Terrasse. Im Tierhaus auf dem Gelände können die kleinen und großen Besucher Hühner, Kaninchen und Ziegen streicheln. In der hofeigenen Kita wachsen Krippen- und Elementarkinder mit engem Bezug zu Natur und Tieren auf. Gerade ist Mittagszeit, weshalb die Lütten für die Essenspause ihre Roller und Bobbycars auf dem Vorplatz geparkt haben. Nur ein etwa Dreijähriger, mit Sonnenbrille in Herzchenform und Schnuller im Mund, hat offensichtlich keinen Hunger und saust seiner Mama auf einem Dreirad davon.
Wieder zurück auf der Hauptstraße passieren wir am Gropiusring den 2019 eingeweihten „Campus Steilshoop“, wo sich Stadtteiltreff, Grundschule, Kita, Bücherhalle, Elternschule und die „Schule am See“ befinden. Über einen Wanderweg am Rand des Campus-Geländes erreichen wir nach ein paar Metern das Ufer des Bramfelder Sees. Von Ost nach West ist der See rund 1,2 Kilometer lang. Im Osten liegt eine etwa 600 Quadratmeter große Insel, auf der eine Kolonie Graureiher lebt. Wir nehmen uns einen Moment Zeit und genießen den beruhigenden Anblick des still in der Sonne glitzernden Gewässers.
Auf dem Rückweg passieren wir dann die Straße Fehlinghöhe, wo unser Blick auf eine mit bunten Mosaiksteinen dekorierte öffentliche Sitzgarnitur fällt. „Willkommen in unserem Wohnzimmer, nehmen Sie Platz“, laden uns zwei Mieterinnen von Wohnen und Assistenz ein, die gerade ein Schwätzchen vor der Tür halten. Birgit Neumann, eine elegante Erscheinung, die man sich auch gut in Blankenese vorstellen kann, erzählt uns, dass sie seit 56 Jahren ausgesprochen gern in Steilshoop lebt. Auch sie lobt die nette Nachbarschaft und die vielen Grünflächen. Die medizinische Versorgung sei allerdings eine Katastrophe. Es gäbe derzeit nur eine einzige Arztpraxis für 20.000 Anwohner. „Das ist eindeutig zu wenig“, sagt Birgit Neumann empört.
Dieser Zustand könnte sich bald ändern. Laut Medienberichten soll demnächst eine zweite Hausarztpraxis in Steilshoop eröffnen. Allerdings nicht im leer stehenden Ärztehaus. Die aktuellen Sanierungspläne für das Zentrum sehen vor, dass das Gebäude südlich der Gründgensstraße zu einem Wohngebäude umgebaut wird. 2028 soll dann das Einkaufzentrum teilweise abgerissen beziehungsweise neu gebaut werden. Mit dem Anschluss an die U-Bahnlinie 5 könnten dann, wenn alles klappt, die umfangreichen Bau- und Sanierungsmaßnahmen 2033 endlich abgeschlossen sein. Bis dahin brauchen die Anwohner noch viel Geduld. Trotz aller Widrigkeiten: „Steilshoop ist ein lebens- und liebenswerter Stadtteil mit großem Potenzial“, sagt Raphael Bulut. Davon ist er fest überzeugt.
Steilshoop in Zahlen
- Einwohner: 19.902
- Fläche: 2,5 km²
- Bev. mit Migrationshintergrund: 60,9 %
- Wohnungen: 9.219
- Sozialwohnungen: 1.895
- Personen pro Haushalt: 2
- Durchschnittliche Wohnungsgröße: 72,7 m2
- Durchschnittliche Miete (Neuabschluss): 17,89 Euro/m2
(Quellen: Statistikamt Nord, Gymnasium Ohmoor)
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