Lesezeit ca. 3 Minuten
Miet-Schreibtische in der Fußgängerzone

Das „Neue Amt Altona“ bietet 300 Arbeitsplätze für Freiberufler an.
Über Wochen und Monate hinweg konnten die Menschen in der Neuen Großen Bergstraße beobachten, wie ein ungewöhnliches Bauprojekt in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft konkrete Form annahm: Tonnenschwere Balken und Bodenplatten aus Fichtenholz wurden per Kran über das Dach hinweg auf die Baustelle heruntergelassen und dort mit weiteren dicken Hölzern verschraubt. Insgesamt vier der sechs Stockwerke des „Neuen Amt Altona“ (NAA) sind auf diese Weise entstanden. Nur das Treppenhaus und der Fahrstuhlschacht bestehen aus Beton. Vorteil: Der natürlich gewachsene Rohstoff kann nicht nur in ästhetischer Hinsicht punkten, sondern sorgt darüber hinaus für ein angenehmes Raumklima. Noch ein Pluspunkt: Laut Bauleitung ist die Holzbauweise nur „ein paar Prozentpunkte“ teurer als der herkömmliche Wohnungsbau mit Stein und Beton.
Rund ein Jahr nach Beginn dieser Arbeiten ist das NAA – in Sichtweite des Bahnhofs Altona gelegen – so gut wie fertig. Ende August wollen die Verantwortlichen Einweihung feiern. Anschließend bietet das Gebäude, das mit einer Nutzfläche von 1.600 Quadratmetern aufwartet, rund 300 sogenannte Co-Working-Arbeitsplätze – also Miet-Schreibtische, die stunden-, tage-, wochen- oder monatsweise gebucht werden können. Darüber hinaus stehen Konferenzräume, Teeküchen, Telefonzellen und Sitzecken zur Verfügung. Ein begrünter Dachgarten kann ebenfalls zum Arbeiten genutzt werden. Das Besondere: Das NAA ist genossenschaftlich organisiert, mindestens vier Anteile à 500 Euro müssen die Teilhaber erwerben, um Anspruch auf einen Schreibtischplatz zu haben. Aktuell hat das Projekt 396 Mitglieder, 45 Plätze sind noch frei. Die Miete ist nicht im Genossenschaftsanteil inbegriffen; sie kostet im günstigsten Tarif 179 Euro pro Monat.
1.600 Quadratmeter Nutzfläche
Vor dem Hintergrund steigender Mieten und immer teurer werdender Baukosten hat das Genossenschaftsmodell in Hamburg in den vergangenen Jahren eine steile Karriere hingelegt. Etliche Baugemeinschaften haben sich allein in Altona zusammengefunden, auch die IBA – unter anderem in Wilhelmsburg – gehört zu den Anbietern. Dass der Genossenschaftsgedanke nun auch in der Arbeitswelt Einzug gehalten hat, erscheint nur folgerichtig. „Gerade als Selbständiger hat man es in Hamburg schwer, einen bezahlbaren Arbeitsplatz zu finden“, sagt Cornelius Voss vom Vorstand der NAA eG. 2018 entwickelten der Architekt Voss und sein Kollege Robert Beddies – beide arbeiteten seinerzeit bei Hamburgs erstem Co-Working-Anbieter Betahaus – die Idee für das „Neue Amt“ im Hamburger Westen.
Den Anstoß dafür gab das unmittelbar angrenzende, „alte“ Finanzamt Altona, das bereits seit 2006 leer gestanden hatte. Einige Jahre später besetzte eine Gruppe von Aktivisten für kurze Zeit den mächtigen Altbau, der auf diese Weise in die Schlagzeilen geriet. Das Resultat: Seit 2012 vermietet die städtische „Hamburg Kreativ Gesellschaft“ die einzelnen Räume an Künstler und andere Kreativschaffende. Unter anderem Foto-, Mode- und Grafikdesigner, Musikmanager, Vereine, eine Schauspielschule sowie ein Institut der Hochschule für Musik und Theater haben hier eine neue Bleibe gefunden. Die Mieten sind günstig und bewegen sich derzeit zwischen 5,10 und 6,35 Euro kalt pro Quadratmeter.
Verbunden sind die beiden Gebäude, Alt- und Neubau, durch ein langgezogenes Erdgeschoss, das der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Es gibt eine Bar und einen Gastrobetrieb, außerdem sollen hier Veranstaltungen stattfinden. Wer jetzt noch kurzfristig Interesse an einem Arbeitsplatz hat, möge sich übergangsweise an die Firma Betahaus – hamburg.betahaus.de – wenden, weil diese aktuell für Buchungsanfragen zuständig ist. „Wir haben den Anspruch, bis zum Herbst ein volles Haus zu haben, in dem sich Start-ups, Kreative und soziale Akteure gegenseitig inspirieren“, sagt Cornelius Voss. „Das Projekt lebt von der Vielfalt seiner Nutzerinnen und Nutzer. Wer Teil dieses besonderen Ortes werden möchte, sollte jetzt die Chance ergreifen.“
Ihre Meinung zählt!
Schicken Sie uns Ihr Feedback zu unseren Artikeln, Themenideen oder Hinweise per E-Mail an briefe@mieterjournal.de – wir freuen uns auf Ihre Ideen und Vorschläge!