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„Schutenschubser“ und „Knackstiefel“
Ohne sie lief früher im Hamburger Hafen nichts: Ewerführer transportierten bis in die 1960er-Jahre die Waren von den Schiffen zu den Lagerhäusern in der Speicherstadt.
Früher waren sie aus dem Hamburger Hafen nicht wegzudenken: die Schuten. Hierbei handelte es sich um Lastkähne ohne eigenen Antrieb. Mit ihnen wurden Kaffee, Tee, Kakao und andere Waren von den Schiffen über die Fleete in die Speicher der Hansestadt transportiert. Denn die großen Schiffe kamen nicht in die schmalen Wasserstraßen hinein, dort, wo die Speicher der Kaufleute lagen. Die „Kapitäne“ der Schuten hießen Ewerführer, im Hafen liebevoll bespöttelt als „Schutenschubser“, denn die Lastkähne wurden mit großen Stangen durch das Wirrwarr der Fleete bugsiert oder geschleppt. „Schutenschubser“ war natürlich eine Verballhornung. Am Kaischuppen 50 auf dem Kleinen Grasbrook liegen noch mehrere Schuten, eine davon kann im Deutschen Hafenmuseum besichtigt werden. Es gab damals viele derartige Verballhornungen im Hafen. Zugereiste Ewerführer beispielsweise wurden als „Knackstiefel“ bezeichnet. Und Hafenarbeiter, die nicht aus Hamburg kamen, hießen „Kai-Torten“. Der Ton war rau, aber herzlich.
Was romantisch klingt, war dennoch harte Arbeit. Um Geld zu sparen, setzten die Firmen anfangs ungelernte Arbeiter ein, mussten aber bald einsehen, dass sie an der falschen Stelle sparten. So wurde Ewerführer ein Lehrberuf. Anfangs dauerte die Lehrzeit vier Jahre, später würde sie auf drei Jahre verkürzt. Ursprünglich waren die Ewer flach gehende Segelboote, die Obst und Gemüse vom Alten Land und den Vier- und Marschlanden in die Stadt transportierten. Die Ewer, die nicht mehr seetüchtig waren, wurden im Hafen eingesetzt und als Schuten bezeichnet. Da die Kähne einen flachen Boden hatten, kippten sie bei Ebbe in den flachen Fleeten nicht um, sodass weitergearbeitet werden konnte.
In der Schute im Hafenmuseum am Kleinen Grasbrook liegen Säcke zur Dekoration. Sie wiegen fast nichts, doch die mit Ware gefüllten Säcke waren schwer, mussten mit speziellem Handwerkszeug wie Haken bewegt werden. Dabei durften sie aber nicht beschädigt werden. Der Lagerraum der Schute war nicht geheizt, im Winter zog nach und nach die Kälte in die Füße. Trotzdem dienten Schuten in der Nachkriegszeit bisweilen als Notunterkunft, erzählte der gelernte Lackierer und langjährige Ehrenamtler im Hafenmuseum Peter Goldmann gern: „Als fast alles zerbombt war, waren die Schuten mit ganzen Familien bewohnt. Auf der Schute meines Vaters lebten ab 1946 vier Personen, ein ganzer Haushalt.“ Die Bewohner der Lastkähne lebten laut Goldmann besser als die meisten anderen Hamburger zu der Zeit: „Unsere Hütte war trocken, wir hatten immer was zu essen und zahlten keine Miete. Die Hafenarbeiter hatten auch eine bessere Verpflegungskarte, und unsere Mutter hat uns mit Steckrüben aus unserem Garten durchgefüttert.“
In der Hochzeit der Schuten gab es etwa 2.000 Ewer-Führereien mit circa 6.000 Schuten. Es gab Firmen mit nur drei bis vier Ewern und andere, die hatten bis zu 20. Die Regeln waren hart und unumstößlich, denn der Ewerführer war für seine Ware haftbar. Konnte die Schute abends nicht mehr entladen werden, hätte man sie zu einer Wachstation bringen können. Das kostete aber Geld. Deshalb wurden Kajüten für die Ewerführer eingebaut, damit diese auf die Ware aufpassen konnten. Junge Ewerführer haben oft auf den Schuten gelebt. Die Schutenschubser wurden pro Schicht bezahlt, die von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends dauerte. Hamburgs wohl berühmtester Ewerführer war Erwin Seeler, der „Vadder“ von HSV-Ikone „Uns Uwe“.
Mit der Einführung der Container um das Jahr 1968 endete nach und nach die Zeit der Schuten und Ewerführer. Die Container wurden direkt von den Schiffen mit riesigen Kränen abgeladen und von dort per Lkw oder Bahn weitertransportiert. Das mühselige Ab- und Umladen der Waren von den Schiffen auf die Schuten entfiel somit. Die Schuten wurden abgewrackt, die Fleete hatten als Transportkanäle ausgedient – und damit auch die Speicherstadt als Zwischenlager für empfindliche Waren.
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