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Tod in der Kälte des Nordens
Ja, es ist wirklich wahr: Hamburg hatte mal einen Papst. Der von Kaiser Otto I. abgesetzte Benedikt V. starb 965 in der Hansestadt.
„Wir sind Papst!“, lautete am 20. April 2005 eine der berühmt-berüchtigten Schlagzeilen der Bild – einen Tag nach der Wahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. auf den Stuhl Petri. Was sogar den meisten Christen unbekannt sein dürfte: Auch Hamburg war mal Papst – vor mehr als tausend Jahren: Das Schicksal von Benedikt V. vollendete sich im unbedeutenden befestigten Siedlungsplatz an der Elbe, der damals aus wenigen Häusern und einem Dom aus Holz bestand.
Benedikt V. war der Sohn eines Römers namens Johannes und stammte aus der Region Marcelli. Ihm eilte – wie dem Professor für Dogmatik Joseph Ratzinger – der Ruf eines hoch gebildeten Mannes voraus, der respektvoll „Grammaticus“ genannt wurde. Nach dem Ableben von Johannes XII. wählte das römische Bürgertum Benedikt V. am 22. Mai 964 zum Papst.
Doch dessen Amtszeit währte nur bis zum 23. Juni 964, so ging er als „Vier-Wochen-Papst“ in die Geschichtsschreibung ein. Der Grund für seine Absetzung war der 962 zum Kaiser gekrönte Otto I., der seinen Wunschkandidaten für den Papstthron zunächst nicht gegen den Bürgerwillen hatte durchsetzen können. Daraufhin belagerten die kaiserlichen Truppen die „Ewige Stadt“ solange, bis die Römer Benedikt V. auslieferten. Auf einer von Otto I. einberufenen Synode wurde der in Ungnade gefallene Benedikt V. schließlich seines Amtes enthoben und statt seiner Kontrahent Leo inthronisiert.
Der seiner Würde beraubte und zum Diakon degradierte Benedikt V. musste Rom verlassen und wurde von Adaldag – als Bischof von Hamburg und Bremen ein Vertrauter von Otto I. – mit in den hohen Norden genommen. „Der großmächtige erhabene Kaiser willigte in die Absetzung des, wie ich hoffe, zu Unrecht beklagten Herrn Papstes Benedikt ein, der doch in Christus über ihm steht, und den nur Gott allein richten darf; er ließ ihn nach Hammaburg ins Exil bringen“, berichtet der Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg in seiner von 1012 bis 1018 verfassten Chronik.
Am 1. März 965 starb Papst Leo überraschend, doch Benedikt blieb die Rückkehr in seine Heimat verwehrt. Das grämte ihn sehr, außerdem setzte ihm das raue Klima in Norddeutschland zu. „Bei euch Hyperboreern kann kein italienisch Herz warm werden“, soll er geseufzt haben. Hyperborea steht im Altgriechischen für ein sagenhaftes, weit im Norden verortetes Land. Benedikt V. starb am 4. Juli 965 (nach anderen Quellen ein Jahr später) als gebrochener Mann im ungeliebten Hamburg und wurde dort im hölzernen Dom begraben. Kurz vor seinem Tod prophezeite er der Stadt ihre Zerstörung, und dass wilde Tiere in ihr hausen würden – wenn seine Gebeine nicht dereinst nach Rom überführt würden. Fakt ist, dass slawische Stämme Hamburg im Jahr 983 den Garaus machten. Kaiser Otto III., Enkel von Otto dem Großen, ließ Benedikts sterbliche Überreste schließlich 999 nach Rom überführen.
Die Stadt Hamburg hat „ihren“ Papst lange in Ehren gehalten. Zwischen 1248 und 1545 wurde an dem Ort, wo sich die Holzkirche mit Benedikts Grab befand, der Mariendom errichtet. Um das Jahr 1280 herum ließ die Stadtregierung dort ein leeres Gedenkgrab für den Vier- Wochen-Papst ausheben, das von einer reich verzierten Platte bedeckt wurde. Darauf zu sehen waren Benedikts Konterfei sowie Heiligen- und Ritterfiguren. 1805/06 veranlasste der Senat den Abriss des in norddeutscher Backsteingotik erbauten Doms am Speersort und errichtete auf dem Areal 30 Jahre später die Gelehrtenschule Johanneum, die im Zweiten Weltkrieg 1943 durch Bomben zerstört wurde.
Bei Ausgrabungen auf dem Gelände wurden Ende der 1940er-Jahre nicht nur in den Domgrüften bestattete Gebeine und das Säulenfundament des Kirchenschiffs freigelegt, sondern auch kostbare Relikte ans Tageslicht befördert: glasierte Ziegelkacheln mit dem Bild von Benedikt V. im Ornat! Die Bruchstücke des Epitaphs lagern heute im Museum für Hamburgische Geschichte.
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