Wohnen im Wasserturm

Drei Menschen stehen vor einem Wasserturm.
„Wenn man erzählt, dass man im Wasser¬turm lebt, spit¬zen alle sofort die Ohren!“ - Ehepaar Seyf¬farth mit Sohn Jakob (20). Foto: von Savigny

Ulrike und Heiko Seyffarth leben in einer kreisrunden Wohnung mit bester Aussicht.

Der Weg in die Wohnung der Seyffarths führt über eine steinerne Wendeltreppe bis in den zweiten Stock hinauf. Der Flur gleich hinter der Wohnungstür präsentiert sich überraschend groß, in alle Himmelsrichtungen schlie­ßen sich Zimmer an: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Küche – sämtliche Räume scheinen auf die besondere Form der Behausung zugeschnitten. Durch die Fenster sieht man den Veringkanal, den angrenzenden Park – und vor allem ganz viel Grün. „Im Sommer lebt es sich hier fast wie im Baumhaus“, berichtet Ulrike Seyffarth. Und im Winter? „Da ist das Laub weg und die Aussicht umso besser“, sagt sie. „Von ganz oben kann man sogar die Elphi und den Fernsehturm sehen!“

Seit mittlerweile elf Jahren lebt das Ehepaar Seyffarth an einem der wohl ausgefallensten Orte, der sich in Hamburg finden lässt: Ihre Wohnung befindet sich unge­fähr auf halber Höhe des Wilhelmsburger Wasserturms Groß Sand. Um die Wasserversorgung ihrer Bürger zu gewährleisten, hatte die Gemeinde Wilhelmsburg, die seinerzeit zur preußischen Provinz Hannover gehörte, im Jahr 1911 an dieser Stelle einen knapp 50 Meter hohen Turm errichten lassen. 1957 wurde das Bauwerk vom Netz genommen und in der Folgezeit als reines Wohngebäude genutzt. Derzeit leben hier vier Mietparteien, jede davon mit reichlich Platz: Die Seyffarths verfügen gemeinsam mit Sohn (20) und Tochter (19) über 104 Quadratmeter Wohnfläche. Die monatliche Kaltmiete beträgt knapp unter zehn Euro pro Quadratmeter und ist damit für Hamburger Verhältnisse beinahe unverschämt günstig.

Doch wie kommt man an so eine Wohnung? Die Antwort ist kurz und schlicht: Beziehungen. Ulrike Seyffarth ist Ur-Wilhelmsburgerin, als Kind wohnte sie in einem der Nachbarhäuser. „Früher lebte hier eine Schulfreundin mit ihren Eltern“, erzählt sie. Mit ihr spielte sie „Pferdereiten“ auf den herumstehenden Mülltonnen. Oder sie hockten zusammen im Gebüsch und zogen das Portemonnaie am Nylonfaden weg, wenn sich jemand danach bückte. Oft habe sie die befreundete Familie im Wasserturm besucht. „Für mich war der Umzug hierher wie nach Hause kommen“, berichtet sie.

In ihrer Kindheit ging Ulrike Seyffarth auf die nebenan liegende Bonifatiusschule – inzwischen arbeitet sie dort als Lehrerin. In der katholischen Bonifatiusgemeinde, die die Wohnungen im Wasserturm vermietet, ist sie ehren­amtlich aktiv – mehr „Vitamin B“ geht also kaum. „Als ich dann gehört habe, dass hier etwas frei wird, habe ich mich sofort gemeldet“, sagt sie. Zuvor hatte die Familie in Eppendorf und Winterhude gewohnt. Damit ist ihr Arbeitsweg auf wenige Meter zusammengeschrumpft – der ihres Mannes hingegen auf knapp zehn Kilometer angewachsen: Heiko Seyffarth arbeitet als Sprachtrainer für Migranten und radelt täglich nach Hammerbrook. Im Gegensatz zu seiner Frau hatte er mit dem neuen Wohnort zunächst gefremdelt. „Inzwischen habe ich mich dran gewöhnt“, meint er. „Ich genieße die Ruhe und das viele Grün.“

Ganz sorgenfrei gestaltet sich das Leben im Wilhelms­burger Wasserturm allerdings nicht: Küche und Bad sind eigentlich renovierungsbedürftig, die Wärmedämmung insgesamt schlecht, oder besser gesagt, gar nicht existent. „Im Winter kriegt man die Räume manchmal kaum über 15 Grad warm“, berichtet er. Ursache ist offenbar das veraltete Heizungssystem des Bonifatius-Kranken­hauses, das direkt mit dem Turm verbunden ist. Seit der Schließung des Krankenhauses am 30. Juni sind die Mieter verunsichert: Wer wird der künftige Besitzer sein? Steigen die Mieten? „Die Kommunikation ist zäh“, sagt Ulrike Seyffarth. „Man weiß nichts Genaues.“ Trotz alledem überwiegt das Positive: „Wer kann schon von sich sagen, dass er die eigene Wohnung bereits aus der Entfernung sehen kann?“, fragt Heiko Seyffarth.

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