Wohnraum, den niemand sieht

Mann mittleren Alters mit Brille und Anzug steht vor einem Gebäuderiegel.
Dr. Daniel Fuhrhop baut eine Wohnraumagentur auf in Potsdam. Foto: Bonnie Bartusch

MJ-Redakteur Volker Stahl sprach mit dem Wohnwendeökonom Dr. Daniel Fuhrhop über versteckte Wohnpotenziale.

Sie haben vor einigen Jahren mit dem Buch „Verbietet das Bauen“ provoziert. Wie waren die Reaktionen?

Die meisten haben den Titel meines ersten Sachbuches so aufgefasst, wie er gemeint war: als Provokation, hinter der sich Aufklärung verbirgt über die Folgen des Neubaus. Darum gab es bis in die Immobilien­branche hinein positive Reaktionen, zumal das Buch viele Alternativen zum Bauen schildert. Manche haben die politische Streitschrift aber auch missverstanden und meinten, sie persönlich hätten nichts damit zu tun. Darum habe ich den Ratgeber „Einfach anders wohnen“ nachgelegt mit Tipps zum Platzsparen und Zusammenwohnen.

Welche ist die Kernthese des Buchs?

Neu bauen ist teuer, es schadet der Umwelt und bean­sprucht Zeit und Geld, die dann oft für Altbauten fehlen. Wenn wir alle Werkzeuge nutzen, um alte Häuser besser zu nutzen – wobei das Buch 100 sol­cher Werkzeuge aufzählt –, würde Neubau teilweise überflüssig.

Mit der Publikation zum „unsichtbaren Wohnraum“ wollen Sie nun „Butter bei die Fische“ geben und bieten Lösungen an. Wo sehen Sie unsichtbaren Wohn­raum, den andere nicht erkennen?

Es gibt viele vor allem ältere Menschen, die ein Zimmer oder eine Einliegerwohnung nicht mehr benötigen. Wenn diese Personen selbst sagen, dass sie sich eine andere Nutzung vorstellen können, spreche ich vom „unsichtbaren Wohnraum“. Wenn diese Flächen wieder genutzt werden, schafft das Platz für diejenigen, die ihn dringend brauchen. Wie das bereits erfolgreich umge­setzt wird, habe ich in meiner Dissertation untersucht.

Beim Wohnungstausch, Untervermie­tungen oder „Wohnen für Hilfe“ gibt es viele Hemmnisse – die Einschränkung der Privatsphäre zum Beispiel.

Zuerst einmal unterscheiden sich die persönlichen Wohnwünsche: Einer möchte gern mit jungen Men­schen zusammenwohnen, andere würden Wohnraum abtrennen und den vermieten, wieder andere möchten umziehen. Für jeden der Wünsche gibt es Lösungen. Um sie umzusetzen, braucht es Beratung und Begleitung: Wer jemand anderen in seine Nähe lässt, möchte wissen, wer das ist, und dabei hilft eine Vermittlungsagentur, die als Sicherheit und für den Fall von Problemen auf Dauer dabeibleibt.

Welche Wohnraum-Potenziale könnten zuerst ausgeschöpft werden?

Relativ einfach geht es in einem Einfamilienhaus, bei dem bereits eine abgetrennte Einliegerwohnung besteht. Aber auch für Mehrfamilienhäuser gibt es Lösungen, die den Wohnungstausch erleichtern, zumindest innerhalb von Wohnungsunternehmen.

Als positives Beispiel für die Aktivierung von bisher ungenutztem Wohnraum stellen Sie die 2022 gestartet Online-Initiative „Unterkunft Ukraine“ heraus. Gibt es ähnliche erfolgreiche Projekte?

Als 2022 viele Menschen vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine nach Deutschland flohen, gab es spontan eine große Hilfsbereitschaft, bei der ungenutzte Zimmer oder Wohnungen bereitgestellt wurden. Es hat viele Kommunen überrascht, wie viele Menschen in Wohnraumreserven unterkamen. Die Werkzeuge zur Mobilisierung unsichtbaren Wohnraums können durch Beratung und Begleitung dafür sorgen, dass auch außerhalb solcher Notsituationen die Bereitschaft wächst, Wohnraumreserven für andere bereitzustellen.

Sie stellen die These auf, dass jährlich 300.000 Wohnungen „aus dem Bestand“ geschaffen werden können. Wie soll das funktionieren?

Das muss ich etwas korrigieren: Das Ergebnis meiner wissenschaftlichen Untersuchung lautet, dass 100.000 Wohnungen pro Jahr aus dem „unsichtbaren Wohnraum“ mobilisiert werden könnten, wenn wir alle Erfolgsmodelle in jeder Stadt professionell aufbauten. Zusätzlich habe ich auf Grundlage anderer Studien abgeschätzt, dass etwa 160.000 Wohnungen pro Jahr aus dem klassischen Umbau geschaffen werden könnten, etwa durch Ausbauen, Aufstocken und Umnutzen sowie die Beseitigung von Leerstand.

Wer sind dabei die größten Bremser und welche die höchsten Hürden?

Förderprogramme, Gesetze und das Denken sind bislang vor allem auf Beton ausgerichtet und nicht auf die Beine, die es bei sozialen Modellen zu bewegen gilt.

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